Kultur für ALLE und der Stadtschreiber von Bergen
Kultur ist alles, was der Mensch gestaltend schafft, – so definiert sich der Begriff im Online-Lexikon Wikipedia. Natürlich ist die Literatur seit Jahrtausenden eine der wichtigsten Ausdrucksformen menschlichen Schaffens. Einige Zeit habe ich überlegt, wie wir Literatur in unser Kulturpass-Konzept integrieren könnten; plötzlich war sie da: die Idee.
Was liegt in Frankfurt am Main näher, als sich mit dem Stadtschreiberpreis von Bergen zusammen zu tun, einem der wichtigsten Literaturpreise unseres Landes.
Die Kulturgesellschaft Bergen-Enkheim war begeistert und erste Gespräche mit SchriftstellerInnen haben uns ebenfalls bestätigt. So werden wir nun Werke der PreisträgerInnen des Stadtschreiberpreises auf unserer Internetseite veröffentlichen.
Man kann Sie am Computer lesen, ausdrucken, herunterladen und gerne weitergeben. Das alles kostet natürlich nichts.
Wir beginnen mit einer Kurzgeschichte des Erfinders des Stadtschreiberpreise Franz Joseph Schneider und einem Gedicht des aktuellen Stadtschreibers FC Delius.
Wir werden alle bisherigen und zukünftigen StadtschreiberInnen bitten, uns ein Gedicht, einen Essay, einen Roman, auch einen Aphorismus aus ihrem Werk zu „schenken“ und an dieser Stelle veröffentlichen.
Literatur für ALLE!
Der Stadtschreiberpreis
Der Stadtschreiberpreis des ehemals selbstständigen Städtchens Bergen-Enkheim, seit 1977 nach Frankfurt eingemeindet, wurde 1974 gegründet und war der erste im deutschsprachigen Raum. Die Idee zum Stadtschreiberpreis hatte der Schriftsteller Franz Joseph Schneider. Die Bedeutung des Preises resultiert aus der Auswahl der Autoren und ihrer herausragenden Bedeutung für die deutschsprachige Literatur. Mit der Annahme des symbolischen Amtes sind keinerlei Verpflichtungen verbunden. Dies hat wesentlich zum Gelingen des Preises beigetragen. Er beinhaltet die Überlassung des Häuschens „An der Oberpforte 4“ für ein Jahr und ein Preisgeld von derzeit 20.000,00 Euro.
„Literatur als Volksfest“, die alljährliche Amtseinführung mit literarischen und politischen Reden u.a. von Max Frisch, Walter Jens, Alfred Grosser, Adolf Muschg und Michel Krüger ist der Höhepunkt zum Auftakt des „Berger Marktes“. Am Freitag vor dem ersten Dienstag im September strömen jedes Jahr 1500 Zuhörer ins Festzelt. In diesem Jahr findet die Preisverleihung am 28. August statt und fällt dieses Mal mit Johann Wolfgang von Goethes Geburtstag zusammen.Franz Joseph Schneider und seine Frau Annemarie sind beide gestorben, daher haben wir den Sohn des Erfinders des Stadtschreiberpreises gebeten uns einige Worte für unser neues Projekt mit auf den Weg zu geben. Matthias Schneider lebt als Werbefachmann in Frankfurt am Main und Obbornhofen:
„Das hat kein Blödmann eingefädelt“ hätte mein Vater gesagt…
„Geldmangel kommt auf uns zu“ dieses Lied hat Franz Josef Schneider des Öfteren in absteigender Intonation angestimmt – es war sozusagen die Familienhymne in schwierigen Zeiten, die mit Ironie bewältigt wurden.
„Das hat kein Blödmann eingefädelt”, hätte mein Vater gesagt, wenn er, die – sich auf dem Weg zu einer Institution befindliche – Initiative „Kultur für Alle“ gekannt hätte. Denn nicht nur mit Beharrlichkeit, sondern auch mit List und Hinterlist müssen oft Ideen durchgesetzt werden, die einen ausgeprägten Sozialcharakter haben. Die Hinterlist ist dabei unabdingbar, wenn es gilt, Geld- und andere Geber zu erschließen, die auch aus anderen Motiven mitwirken. Und das sind oft nicht die schlechtesten unter den Besten. Sie haben nämlich verstanden, dass „Kultur für Alle“ die Stadt nicht nur menschlicher macht, sondern auch in einem ihrer wichtigsten Standortvorteile stärkt: Weltoffene Bürger in allen sozialen Schichten, die an allen öffentlichen Orten und Institutionen – von der Trinkhalle bis zur Alten Oper – anzutreffen sind.
Matthias Schneider, Frankfurt am Main im März 2009
Franz Joseph Schneider – Erfinder des Stadtschreiberpreises

Franz Joseph Schneider (geboren 3.März 1912 in Aschaffenburg; gestorben am 13.März 1984 in Frankfurt am Main) war deutscher Journalist, Werbefachmann, Mitglied der Gruppe 47 und Erfinder des Stadtschreiberpreises.
Schneider war engagiert die Literatur in Deutschland nach 1945 zu fördern.
Durch seine Verbindungen zur US-amerikanischen Werbeindustrie stiftete er den Preis der
“Gruppe 47”.
In den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts rief er den Literaturpreis des Stadtschreibers von Bergen ins Leben.
Schneider schrieb Kurzgeschichten nach amerikanischem Vorbild. Schneider erzählt, den Anfängen und Vorstellungen der frühen “Gruppe 47” entsprechend, konventionell realistisch. Ohne sprachlichen Schmuck oder uneindeutigen Analogien ist die Erzählhaltung und gibt klare und unprätentiöse Einblicke in den oft entmutigenden Alltag der Überlebenden.
Die Familie von Franz Joseph Schneider schenkt unseren Lesern die Kurzgeschichte „Die Ziege hat ein weisses Fell“.
Erfahren Sie hier mehr über Franz Joseph Schneider.
Die Ziege hat ein weisses Fell
Es war so etwa um Mitternacht herum und Stocker war, vom Hunger und der Kälte ermüdet, auf seiner Bank im Bremserhäuschen gerade etwas eingeschlafen, als sich in der Tiefe des Tunnels, das unter den zerstörten Geleisen hindurch hinüber zu den Trümmern des Bahnhofsgebäudes führte, eine Unruhe erhob. Wie immer, wenn irgendwas los war, was auch nur auf das Herannahen eines Zuges schließen ließ, überfiel eine fieberhafte Aufregung die Hunderte von Menschen, die, auf ihrem Gepäck sitzend oder auf ihren Decken und Mänteln am Boden liegend im Tunnel, auf den Bahnsteigen oder sonst wo auf dem Bahnhof die Nacht verbrachten. Die Unruhe kam aus dem warmen, überfüllten Tunnel und breitete sich im Nu über den ganzen Bahnhof aus. Man hörte die Stimmen der Frauen, die nach ihren Kindern riefen, und da und dort flammten die Feuerzeuge der Männer auf, die sich noch rasch etwas zum Rauchen anzünden wollten.
Auch Stocker war plötzlich sehr wach. Er richtete sich auf und tastete in der Dunkelheit nach seinem Bündel. Es war noch da. Auch der Mann mit der Ziege war noch da; er saß hinter Stocker auf der Bank und starrte, den Körper eng an die Bretterwand des innen geheizten Waggons gepresst, auf die jenseitige Tür. Die Ziege saß unter der Bank und schlief nicht. Sie hatte ihren Kopf auf Stockers Bündel gelegt, und als Stocker danach griff, berührte er ihr kauendes feuchtwarmes Maul.
…
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Franz Joseph Schneider in der Kultur für ALLE Online-Buchhandlung
FC Delius – Stadtschreiber von Bergen 2008/09

Friedrich Christian Delius, geboren im Februar 1943 in Rom , aufgewachsen in Wehrda, Kreis Hünfeld und Korbach in Hessen, studierte in Berlin, war 1970 bis 1978 Lektor für Literatur in den Verlagen Klaus Wagenbach und Rotbuch.
Prozesse, welche die Siemens AG und Helmut Horten gegen ihn anstrengten, hat er erfolgreich überstanden. Seit 1978 ist er freier Schriftsteller.
Lebte in Nijmegen/Holland, Bielefeld und Berlin, seit 2001 auch in Rom. Übersetzt wurden seine Bücher in siebzehn Sprachen. Er ist Mitglied der Freien Akademie Hamburg, der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und der Akademie der Künste Berlin.
Friedrich Christian Delius (FCD) ist Stadtschreiber von Bergen Enkheim 2008/2009.
Er hat unseren Lesern das Gedicht „Ein Bankier auf der Flucht“ geschenkt.
Erfahren Sie hier mehr über Friedrich Christian Delius.
Ein Bankier auf der Flucht
Ganz sicher, er war es. Vor kurzem noch im Fernsehen,
jetzt sehn wir ihn im Schwarzwald zu Fuß
und abgehetzt, Dreck an den Schuhn, sehn ihn allein
mit einem Koffer, Richtung Süden, kein Gespenst.
Schweiz oder Liechtenstein? Warum hat er nicht
Wenigstens seinen Chauffeur bei sich und
den Mercedes? Warum nimmt er nicht die Bahn? Warum
vertraut er sich nicht einem ortskundigen Landwirt an?
Warum dieser ängstliche Blick, diese Hast?
Ein Wanderer würde anders laufen und ohne
diesen Koffer. Wer vor seiner Frau oder Geliebten
abhaut, haut nicht über Feldwege ab.
Warum schlägt er den Mantelkragen hoch?
Erschrickt der vor uns? Seit wann gehören
Bankiers zu den Angsthasen? Kommen jetzt noch mehr
flüchtende Bankchefs hier vorbei und stören
Spaziergänger auf? Schreiben wir das Jahr 74 oder
1929 oder 1986, oder was ist hier eigentlich los?
FC Delius (1974)
(Rotbuch in Sabine Groenewold Verlage 1975)
Schon heute laden wir Sie zur Verleihung des Stadtschreiberpreises 2009 ins Festzelt in Bergen-Enkheim zur Erföffnung des Berger Markts am 28. August 2009 ein.
Dort wird FC Delius den neuen oder die neue StadtschreiberIn vorstellen.
Wer das ist, bleibt natürlich noch geheim.
An diesem Tag werden wir auch alle weiteren “Literaturspenden” aller StadtschreiberInnen auf diese Seite stellen, die wir für unser Projekt gewinnen konnten.
Wir freuen uns besonders, daß dies mit dem Geburtstag des “Frankfurter Buben” Johann Wolfgang Goethe zusammenfällt.
Wir bedanken uns bei der Kulturgesellschaft Bergen-Enkheim, Joachim Netz, Adrienne und Matthias Schneider, FC Delius und Rotbuch Verlag.
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Friedrich Christian Delius in der Kultur für ALLE Online-Buchhandlung

Zeltreden im Wallstein Verlag
Das Buch Zeltreden ist eine Dokumentation weitgehend aller Antritts- und Abschiedsreden der Stadtschreiber von Bergen von 1974 – 1998 (darunter Wolfgang Koeppen, Karl Krolow, Peter Rühmkorf, Peter Härtling, Jörg Steiner bis zu Peter Bichsel) – sowie der Festreden prominenter Kollegen wie Walter Jens, Max Frisch, Martin Walser, Robert Gernhardt, Erich Fried, Alfred Grosser u.v.m. Es ist eine spannende Sichtauf das intellektuelle Leben und die gesellschaftliche Entwicklung der Bundesrepublik in den letzten 25 Jahren.
Herausgegeben von Wolfgang Mistereck und Adrienne Schneider
Der Wallstein Verlag, Göttingen hat uns 10 Exemplare für Interessierte zur Verfügung gestellt. Interessierte können diese gegen eine Spende von mindestens 1,00 Euro freitags bei FALZ (Kulturpassausgabe) abholen.
